Wie gemalt

Wie gemalt

Christiane Slawik wie gemaltFür das „gewisse Extra“ ist sich Christiane Slawik für nichts zu schade. Sei es, dass sie sich vor einer Wildpferdeherde auf den Boden wirft, gemeinsam mit Pferden im Schlamm badet, bei über vierzig Grad im Wüstensand herumrutscht, ihr Leben in einem gemeingefährlichen Armeegelände riskiert oder mit ihrer einzigartigen Spürnase die exorbitantesten Hintergründe unter unmöglichsten Umständen aufspürt: Wer die quirlige Fränkin in ihrem Element erleben darf, wird das wohl nie vergessen. Und muss im Zweifel selbst besonderen Einsatz zeigen. „Einfach ein bisschen gut aussehen, das reicht nicht“, weiß auch Sabine Ellinger. Die erfolgreiche Dressurausbilderin und Rehaexpertin aus dem schwäbischen Murrhardt ist zusammen mit ihren Pferden, dem Miniappaloosa Lancelot und Sartors Black Magic – Bundeschampion der deutschen Reitpferde – seit knapp fünfzehn Jahren ein gefragtes Model von Christiane Slawik. Sie schenkt uns einen Blick hinter die Kulissen der „Shootings mit Slawik“.

„Sobald Christiane eine Kamera in der Hand hat, wird sie laut und lebhaft, aber niemals persönlich“,

erzählt Sabine Ellinger. „Sie ist eine extreme Perfektionistin, und das erwartet sie halt auch von anderen.“ Für Ross und Reiter bedeutet das vor allem eins: Aufpassen und gut zuhören, dann ist das Motiv auch superschnell im Kasten. Überfordern nämlich würde Christiane Slawik kein Pferd. „Mit ihrer reichhaltigen Erfahrung und einem hervorragenden Auge kann sie mir beispielsweise punktgenau verraten, auf welcher Linie ich ein Pferd für ein brillantes Ergebnis reiten oder laufen lassen muss“, so Ellinger. „Nur ganz selten müssen wir eine Szene mehrmals wiederholen, was enorm Kräfte spart. Und weshalb Pferd und Reiter auf den Bildern von Christiane so frisch und munter aussehen.“ Dazu dürfen sich ihre Models stets über ein konstruktives Feedback der weltgewandten Fotografin freuen. „Christiane hat ein fast schon abnormes Wissen über sämtliche Pferderassen, Reitweisen und über Pferdeverhalten“, schwärmt die Dressurausbilderin. „Ich lerne jedes Mal dazu, zumal ich von oben oftmals nicht beurteilen kann, wie mein Pferd und ich tatsächlich rüberkommen.“

Nicht selten ist auch, dass Pferde die Fotografin schon beim nächsten Mal wiedererkennen, ihr entgegenwiehern und zu wissen scheinen, was die blonde Frau mit dem Riesenobjektiv von ihnen erwartet. Purer Zufall ist das nicht: Wie kaum ein anderer Fotograf spricht Christiane Slawik die Sprache der Tiere und weiß auch ihre Körpersprache so pferdegerecht einzusetzen, dass Pferde ihr gebannt überallhin folgen. Selbst echte Kriegerpferde wie die indischen Marwaris vermag sie für sich einzunehmen, bis die edlen Tiere für sie tanzen – im Freilauf genau wie unterm Sattel.

So engelsgeduldig Christiane Slawik mit Pferden sein kann, umso leichter geht sie in die Luft, wenn Menschen patzen –

und ihr eine im Kopf bereits schlüssig komponierte Szene verhauen. „Ich werde nie vergessen, wie ich einen P.R.E.-Hengst bereits zum Freilauf auf der Koppel vom Seil ließ, während Christiane sich noch mit einer anderen Reiterin abstimmte.“ Heute lacht Ellinger. „Das Pferd vollführte die spektakulärsten Luftsprünge, woraufhin Christiane brüllte, dass man es im ganzen Tal hören konnte: ‚Sabine, das kannst du doch nicht machen! Ich war noch nicht so weit!‘“ Dem Pferd warʼs schnuppe. „Der Hengst hatte sich ausgetobt, naschte zufrieden frisches Grün und stand trotz aller Bemühungen von meinen Helfern und mir für weitere Kapriolen nicht mehr zur Verfügung.“

Heute ist Sabine Ellinger klüger: Vor einem Shooting stellt sie einen konkreten Plan für Helfer und Pferde auf, bespricht sich vorab so genau wie möglich mit der Fotografin und passt auf wie ein Luchs, damit jeder passend an Ort und Stelle ist. „Klar, Überraschungen stecken bei Pferden ständig mit drin“, sagt die Ausbilderin. „Mittlerweile aber klappen die Shootings wie am Schnürchen.“ Und selbst wenn nicht: Sobald die berühmte Pferdefotografin ihr liebstes Werkzeug im Auto verstaut und alle Szenen im Kasten hat, ist sie eine fröhlich entspannte und äußerst humorvolle Gesprächspartnerin, mit der es sich herrlich über immer mögliche Missgeschicke oder Missverständnisse lachen, genau wie über tausend und eine Pferdegeschichte plaudern lässt. „Shooting-Tage mit Christiane sind zwar ganz schön anspruchsvoll“, gibt Sabine Ellinger zu, „doch sie schenken einem neben unfassbar tollen Ergebnissen zuverlässig ergreifende Momente, die man ein Leben lang im Herzen behält. Egal, wie vermeintlich hässlich oder untalentiert der Vierbeiner ist.“ Vom Menschen ganz zu schweigen …

Die bis dato schönsten Szenen von mir und ein paar Pferden entstanden letzten Herbst, als Christiane und ich nach einem anstrengenden Tag „frei von Kamera und Schreibblock“ bei einem Spaziergang das goldene Licht der untergehenden Herbstsonne genießen möchten. Der Zufall will es, dass wir an einer mehrere Hektar großen Koppel parken. Und wo wir schon mal da sind, Christiane den Besitzer gut kennt und deshalb die Koppel betreten darf, wollen wir kurz nach den Bewohnern spicken. Leider ist weit und breit kein Pferd in Sicht. Christiane pfeift und wiehert durchdringend. Keine fünf Minuten später werden wir von einer kunterbunt gemischten, außerdem entzückend freundlichen Herde aus Youngstern und Oldies, Ponys und Großpferden umringt. Ganz ähnlich, wie es Christiane bei den Shetlandponys ergangen ist.

Sie kann nicht anders. Einem aufgescheuchten Reh gleich fliegt Christiane zurück zum Auto, reißt ihre Kamera an sich, dazu zwei Monsterobjektive. Wir haben keine fünf Minuten mehr, bis die Sonne abtauchen wird. Ehe ich michʼs versehe, sind Pferde und ich Mittelpunkt eines Shootings, wie wir es kaum besser hätten planen können. „Das ist also das besagte Quäntchen Glück, von dem Christiane immer spricht“, denke ich beim Anblick der phänomenalen Fotos, die Mensch und Pferde kaum inniger miteinander zeigen könnten. Dabei kannten die halbwilden Pferde weder mich noch ich sie. Christiane aber führte uns ohne große Worte wie von Zauberhand zusammen – in einmaliger Stimmung, für geniale Ergebnisse einer unglaublichen Fotografin und (Pferde-)Freundin.

Regina Kühr

Die schönsten Pferdefotos kann man in ihrem Buch sehen