Mehr Sinn für Balance – und ehrliche Reiterei

Mehr Sinn für Balance – und ehrliche Reiterei

Warum ist der Arbeitstrab Prüfstein für den Galopp? Weil er den Rhythmus und damit die Balance sichert, die das Pferd im Galopp so dringend braucht. Christoph Ackermann, langjähriger Schüler Egon von Neindorffs, hat über „Die Suche nach dem Gleichgewicht im Sinne einer ehrlichen Reiterei“ ein beachtenswertes Buch mit Zeug zum Klassiker geschrieben. Der folgende Artikel findet sich im Bookazin ReitKultur wieder

Balancezustände beim Reiten

Vier wesentliche Balancezustände gibt es in der Verbindung zwischen Reiter und Pferd: der Gleichgewichtssitz des Reiters, die mentale Balance des Pferdes, die horizontale Balance des Pferdes (Rückenwirbelsäule des Pferdes in waagrechte Position bringen) sowie die vertikale Balance des Pferdes (etwa drei Prozent seitliche Abstellungsmöglichkeit im Genick). Ebenso wie ein guter Balancesitz dem Pferd hilft, ins Gleichgewicht zu kommen, kann umgekehrt ein schlechter Reitsitz das Pferd aus der Bahn werfen.

Über den Galopp zu reden, kann daher nur sinnvoll sein, wenn wir die Balance im Trab verstanden und so gefestigt haben, dass die ersten beiden Punkte der Ausbildungsskala erfüllt sind. Folglich fängt unser Pferd an, sich vertrauensvoll und angenehm in unserer Hand zu melden. Ist das gegeben, können wir als Reiter davon ausgehen, dass sich unser Pferd im natürlichen Gleichgewicht befindet. Denn durch das Tieferkommen in der Hinterhand, was schon im Arbeitstrab beginnt, beugt es die Hanken. Dadurch bringt es die Rückenwirbelsäule annähernd in die Waagrechte. Um dem Irrglauben gleich vorzubeugen: Ein reines Höhernehmen des Halses reicht dazu nicht aus.

Wie sich das genau verhält, ist Thema meines aktuellen Buchs „Die Suche nach dem Gleichgewicht im Sinne einer ehrlichen Reiterei“. Lassen Sie uns in diesem Artikel einmal genauer auf den Galopp fokussieren, den man aufgrund seiner erhöhten Anforderung an die Balance nicht ohne den Trab betrachten kann. Beide, Galopp und Trab, sind schwungvolle Gangarten im Unterschied zum Schritt.

Der Arbeitstrab – unspektakulär, aber hilfreich

Der Trab hat die wunderbare Eigenschaft, dass er ein Zweitakt ist mit einer Schwebephase zwischen dem jeweilig abfußenden diagonalen Beinpaar. Deshalb eignet sich der Trab so gut, um einen balancesicheren Rhythmus in allen Gangmaßen einzustellen und beizubehalten. Er ist sozusagen der Prüfstein eines gut ausgebildeten Pferdes.

Als Voraussetzung für die systematische Galopparbeit benötigen wir ein im Arbeitstrab regelmäßig gehendes Pferd. Das klappt natürlich nicht von heute auf morgen. Dieser lange, unspektakuläre Weg beginnt ganz früh in der Ausbildung und zeichnet sich immer durch das richtige Vorwärts aus. Bevor jenes nicht wenigstens halbwegs gefestigt ist, kann ich nicht empfehlen, am Galopp intensiver zu arbeiten. Aber wie immer gibt es keine Regel ohne Ausnahme: So ist ein freier Galopp im Gelände, während eines Ausritts, immer möglich. Und manche Pferde lösen sich sogar besser im Galopp als im Trab, so dass man dies auch zu Beginn einer Arbeitseinheit nutzen kann.

Der Handgalopp – klassisch aufgebaut

Der Galopp ist wie der Trab eine schwungvolle Gangart, allerdings mit einer ganz anderen Bewegungsabfolge. Es lohnt sich, diese einmal genauer zu betrachten, um die Gleichgewichtsituation beim Pferd zu verstehen. Fangen wir mit der Schwebephase an. Direkt im Anschluss setzt der äußere Hinterfuß auf dem Boden auf und trägt in diesem Moment die Hauptlast aus Schwung, Bewegung und Gewicht – inklusive Reiter, der sich mit seinem ruhigen, empathischen Balancesitz und den zugehörigen Hilfen in die Bewegungen einfügt.

Danach folgt das diagonale Beinpaar und sichert die horizontale Balance, so dass wir in diesem Augenblick von einer Dreibeinstütze sprechen können. Springt das Pferd dabei mit dem inneren Hinterfuß weit genug vor, kommt die Hanke tiefer, die Schulter des Pferdes höher, und wir haben zumindest ein natürliches Gleichgewicht erreicht. Die drei Beine schieben das Pferd nach vorne und bringen für einen kurzen Augenblick alle Last allein auf den inneren Vorderfuß. Über diesen geht das Tier dann wieder in die Schwebephase.

Sofern wir auf das Vorwärts, eine gesicherte Balance und ein gleichmäßiges Tempo achten, wird diese Fußfolge rhythmisch im Dreischlag erfolgen, und die Einbeinstütze (inneres Vorderbein) wird nicht störanfällig im Galopp auftauchen, sondern sich in den Ablauf des Dreitakts nahtlos einfügen. Wird diese Abfolge allerdings durch zu starke Handeinwirkung gestört, verlieren wir die Reinheit des Gangs – das Pferd fällt auf die Vorhand. Den gestörten Galopp können wir an zwei Merkmalen leicht fühlen und erkennen: Zum einen zieht das Pferd zu schwer in die Hand und sucht bei nicht gefundener Balance genau dort ein fünftes Bein. Zum anderen spüren wir es im Reitsitz: Der Galopp fühlt sich holprig an; als ob uns der Boden entgegenkommt. Das gilt es sofort wieder zu verbessern oder noch besser zu vermeiden.

Mit dem Wissen, dass nur ein intakt agierender Rücken das Absenken der Hanke garantiert und nur so die Vorhand höherkommen kann, unterstützt ein der Bewegung angepasster Gleichgewichtssitz vehement die horizontale Balance. Diese geht später in ein gesteigertes Gleichgewicht über, in dem die Rückenwirbelsäule sich hinten noch tiefer senkt als vorne: Das Pferd geht bergauf. Dieser in Reiterkreisen gern verwendete Begriff beschreibt also nur die Lage der Rückenwirbelsäule. Um zu einer fachlich richtigen Beurteilung der Balance zu kommen, muss sich somit unser Augenmerk deutlich stärker auf die Aktion aus Hinterhand und Rücken richten als allein auf die vordergründig auffälligen Vorhandaktionen, die landauf landab als sensationell gepriesen werden, auch wenn dies ganz und gar nicht zutrifft.

Der Mut, mit uns selbst kritisch zu sein und eine ehrliche Galopparbeit abzuliefern zu können, erschließt uns neue Balancesituationen, die uns in der täglichen Arbeit mit unserem Pferd Stück für Stück voranbringen. Nicht immer klappt das reibungslos, deshalb brauchen wir auch gute Nerven, die uns in der einen oder anderen Problemsituation helfen, unseren klassischen Ausbildungsweg nicht zu verlassen. Ungeplant und ungewollte äußere Einflüsse bringen uns beim Training in Situationen, die uns straucheln lassen und zurückwerfen – sofern wir darauf eingehen.

Ich gebe zu, dass es nicht immer einfach ist, so besonnen zu sein, sich vom sozialen Umfeld nicht beeinflussen zu lassen. Halten wir uns aber unbeirrt an den vorgegebenen Plan zur Ausarbeitung und Verbesserung des Galopps, werden wir damit erfolgreich sein. Gelingt uns also der Arbeitsgalopp auf beiden Händen dergestalt, dass Rhythmus, Losgelassenheit, Anlehnung und Schwung erhalten bleiben, dann können wir mit der Zeit die Galoppsprünge verkürzen, ohne die Geraderichtung aus dem Fokus zu verlieren.

Die Galopp-Variationen: Kontergalopp bis Traversale

Der ruhige Balancesitz ist dabei ein Muss, um das gefundene Gleichgewicht nicht zu irritieren. Können wir also die Hinterhand des Pferdes von hinten nach vorn an die Hand (nur gedanklich!) heranschließen, ohne dass es dabei seinen Rahmen verliert und wir ihn deshalb jedes Mal aufs Neue aufbauen müssen, können wir damit beginnen, den Kontergalopp zu üben. Er stellt ein erhöhtes Maß an Balance, Gehorsam, Geradesein und Rittigkeit dar. Gelingt der Kontergalopp auf beiden Händen sicher, können wir über das Schulterherein im Galopp Hanke und Rücken noch weiter kräftigen, um das Pferd mehr zu versammeln. Das Gewicht trägt hierbei hauptsächlich der jeweilige innere Hinterfuß, der gemeinsam mit dem äußeren Vorderfuß springt (diagonales Beinpaar) und bei guter Ausführung die Balance allein befeuert. Durch das Beugen der Hanke kommt das Sprunggelenk in seiner von der Natur zugedachten Funktion als Sprungfeder voll zum Einsatz.

Wollen wir die Anforderung, bezogen auf die Versammlung und den damit einhergehenden Gleichgewichtszustand, weiter steigern, kommen wir automatisch zur Galopptraversale. Man könnte sie als unmittelbare Vorstufe zu Lektionen der Hohen Schule bezeichnen. Denn aus ihr lässt sich auch die Galopp-Pirouette entwickeln. Das Vorwärts liefert uns den notwendigen Schwung, sichert unablässig die Elastizität der Muskulatur in weicher Anlehnung, die unser Pferd noch weiter auf die Hinterhand bringt. Durch die einhergehende Durchlässigkeit können wir nun bestimmen, wohin wir das Gleichgewicht genau setzen wollen: vorne, mittig, hinten. Und wenn wir der Hinterhand noch mehr Last übertragen möchten, können wir auch das noch steigern.

Ackermann Blog Crystalverlag

Die Piaffe als stärkendes Training für Hanke und Rücken

Um einen schönen versammelten Galopp zu reiten oder eine ästhetische Pirouette im Galopp zu zeigen, die auch noch ganz nahe am Dreischlag ist, bedarf es konzentrierter und zielgenauer Gymnastizierung der gesamten Hinterhand und des daraufhin kräftiger werdenden Rückens. Gilt es doch – was ein jüngeres Pferd noch nicht umsetzen kann – die Rückenwirbelsäule im versammelten Galopp in eine hinten noch weiter abgesenkte Position zu bringen. Die Muskulatur haben wir inzwischen so trainiert, dass das Tier dies leisten kann. Je tiefer sich das Pferd in den Hanken beugt, desto höher richtet sich die Vorhand auf. Das leistet der Rücken. Genau hierfür eignet sich die Arbeit an der Piaffe als trabartige Bewegung hervorragend; ganz gleich, ob sie mit Reiter oder an der Hand ausgeführt wird. Zu Anfang reicht es, wenn wir die Piaffe mit leichter Vorwärtstendenz ausführen. Wichtig ist dabei, dass wir das Aktive in den Bewegungen erhalten und das Pferd die Hanken beugt, natürlich entsprechend seiner Bewegungsveranlagung.

Die Pirouette – Schwung- und Lastverschiebung auf die Hinterhand

Haben wir es geschafft, die Galoppbalance im Pferd beliebig bestimmen zu können, folgt die Arbeit an der Pirouette, und wir befinden uns bereits inmitten der Anforderungen der Hohen Schule. Die gebündelte Kraft und Konzentration in der Galopp-Pirouette muss zum Abschluss ihrem natürlichen Vorwärtsdrang entsprechend durch die Galoppverstärkung ihre Fortsetzung und ihren Ausklang finden. Dieser Wechsel, diese Abwechslung zwischen Versammlung und Verstärkung ist im Galopp essenziell, um das Pferd physisch und auch psychisch im besten, ehrlichen Gleichgewicht zu halten. Gedehnter Rahmen und enormer Schwung liefern uns den gewünschten Raumgewinn.

„Ist dir nach Fliegen, so reite!“
Reitoberst Xenophon, 430 bis 354 v. Chr., „Über die Reitkunst“

Fazit: Nur ein intakter und gut trainierter Rücken, der ausschließlich über eine voll ausgebildete Hankenmuskulatur entstehen kann, bringt uns einen belastbaren Gleichgewichtszustand, der unser Pferd seine volle Schönheit entfalten lässt. Das gilt sowohl für den muskulären Gesamtzustand unseres Pferdes als auch in der Folge für seine leichten, anmutig aussehenden Bewegungen – auch und gerade im Galopp, der leichtfüßigsten, dynamischsten und glücklich machenden Gangart, die Pferd und Reiter gemeinsam fliegen lässt. Der Reiter verschwindet dabei in der Unauffälligkeit, so dass das schönste Tier der Welt zurecht den kompletten Raum einnehmen kann!

Trab im gleichbleibenden Rhythmus, bei aktiver Hinterhand: Das ist die Ausgangsituation eines guten Gleichgewichts für alle anderen Gangarten und Lektionen. Nach kurzem Tempo folgt ein freieres; Prüfstein schlechthin, ob sich mein Pferd auch bei großem Schwung noch selbst und völlig unabhängig von der Hand tragen kann.

Text: Christoph Ackermann
Fotos: Christoph Schaffa

Mehr findet man im Buch „Auf der Suche nach dem Gleichgewicht“